Pis-ta-zien-eis

Leer tropft der Nachmittag dahin, sonnig warm, im Frühling. Der Frühling, auf den wir alle gewartet haben, weil der Winter so lang, erbarmungslos lang und gemein war – und nun ist er da, der Frühling und macht sie alle glücklich. Macht alle glücklich, sogar die garstige Fette aus dem Nachbarhaus, sonst ungerecht zu Mann und Kindern, nun sitzt sie zufrieden glucksend, Hand in Hand mit ihrem Gatten und schleckt, die Waden baumelnd, an ihrem Pistazieneis. Pistazieneis! Mal was riskieren! Und wie sie da so sitzen in ihrer hässlichen, spießbürgerlichen Mittelmäßigkeit, beneide ich sie nicht, sind sie mir egal, wie auch der Ernst der Lage es ist.
Alle macht er glücklich, der Frühling, nur mich nicht. Nein, lieber verliebe ich mich in den Protagonisten eines Max-Frisch-Romans als diese selbstzufriedene leere Hülle der Genügsamkeit um mich zu wickeln. So sitze ich bei Sonne lieber am Schreibtisch und rauche, obwohl ich das sonst tagsüber nie tue, mit Kapuze im Gesicht, zähle ab und an meine Falten und versuche zu schreiben, würge Texte heraus, banal, selbstmitleidig, jedes Wort ein stechender Schmerz, nach jedem Satz keuchend, die Speiseröhre brennt sauer, der Magen meldet sich, nicht schmerzhaft, nur dumpf. Meine Ratte ist ein einem erbärmlichen Zustand, sie sträubt das Fell vor Schmerzen, ich setze mich an den Käfig und schaue ihr beim Sterben zu
Hier bleiben, sich eingraben, die eigene Burg, mein Reich gebaut. Die Tür von innen zweimal abgeschlossen. Sicher ist sicher. Austausch kann man danach distanzreich über‘s Netz praktizieren.

Und dann hoffe ich, dass es bald Abend wird, dass es dämmert und man guten Gewissens trinken kann. Voll Verehrung der literarischen Hingabe eines Spätshop-Verkaufers (jung – nicht mehr ganz) durch die Straßen der Neustadt laufen, sich umgeben mit belanglosen Leuten, belanglose Gespräche führend. Dann ist da auf einmal ein bisschen Wärme, Zuversicht, ein eigentlich erbärmlich kleines, aber mutiges aufflackern von Zuversicht, dann ist das Leben leichter, wie Watte ein bisschen und Musik, ein Rest Freiheit oder was man sich darunter vorstellt.
Da sitzen wir dann und machen uns alt. Trinken unter der Woche, seit Jahren schon und rauchen zu viel, haltlos ohne Grund und stellen uns beim nach Hause Gehen vor, hip zu sein.

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